Praktische Ratschläge für das tägliche Leben IV

Der rechte Beweggrund für das Verlangen nach Selbsterkenntnis liegt im Bereich der Erkenntnis und nicht im Bereich des Selbstes. Selbsterkenntnis ist darum ein erstrebenswertes Gut, weil sie Erkenntnis ist, nicht weil sie sich mit dem eigenen Ich befaßt. Haupterfordernis für die Erlangung von Selbsterkenntnis ist darum reine Liebe. Wenn du aus reiner Liebe Erkenntnis suchst, dann wird deine Anstrengungen am Ende Selbsterkenntnis krönen. Die Tatsache, daß ein Schüler ungeduldig wird, ist ein positiver Beweis dafür, daß er nicht aus Liebe strebt, sondern um des Lohnes willen, und dies wiederum beweist, daß er den großen Sieg nicht verdient, der für jene bereit steht, die wirklich aus reiner Liebe wirken.
Der „Gott“ in uns – d.h. der Geist der Liebe und Wahrheit, der Gerechtigkeit und Weisheit, der Güte und Kraft – sollte unsere einzige wahre und bleibende Liebe sein, unser einziger Verlaß in allen Lebenslagen, unser einziger Glaube , dem wir, da er fest steht wie ein Fels, für alle Zeiten vertrauen können, und unsere einzige Hoffnung, die uns niemals enttäuschen wird, wenn auch alle anderen Dinge zugrunde gehen. Er sollte das einzige Ziel sein, das wir zu erlangen suchen, und zwar durch Geduld, indem wir zufriedenen Sinnes warten, bis unser böses Karma sich erschöpft hat und der göttliche Erlöser uns seine Gegenwart in unserer Seele offenbaren kann. Das Tor, durch welches er eintritt, heißt Zufriedenheit; denn wer mit sich unzufrieden ist, der ist mit dem Gesetz unzufrieden, das ihn so gemacht hat, wie er ist. Und da Gott selbst dieses Gesetz. ist, wird Gott nicht zu denen kommen, die mit IHM unzufrieden sind.
Wenn wir anerkennen, daß wir uns innerhalb des Stromes der Entwicklung befinden, dann müssen uns alle Lebensumstände recht sein. Und wenn wie bei der Ausführung von uns geplanter Taten versagen, so sollte gerade das unsere größte Hilfe sein, denn wir können auf keine andere Weise jene Gemütsruhe erlernen, welche Krischna als so notwendig bezeichnet. Wenn alle unsere Pläne Erfolg hätten, würden wir keine Gegensätze kennenlernen. Auch können ja die Pläne, die wir schmieden, in mangelnder Kenntnis gestaltet und daher falsch sein, und die wohlwollende Natur erlaubt uns darum nicht, sie auszuführen. Wir werden wegen dieser unserer Pläne nicht getadelt, aber wenn wir die Tatsache, daß ihre Ausführung unmöglich ist, nicht annehmen wollen, kann uns dies karmische Schuld auflasten. Und wenn wir gar niedergeschlagen sind, dann sind schon dadurch unsere Gedanken weniger kraftvoll. Selbst in einem Gefängnis eingeschlossen, vermag jemand für die große Aufgabe zu wirken. Darum bitte ich euch: entfernt aus eurem Sinn jede Abneigung gegen eure gegenwärtigen Lebensumstände. Wenn es euch gelingt, sie als gerade das zu betrachten, was ihr euch in Wirklichkeit selbst gewünscht habt, dann wird dies nicht nur eure Gedanken, sondern in einer Reflexbewegung auch eure Körper stärken.
Zu handeln und weise zu handeln, wenn die Zeit zum Handeln gekommen ist, und zu warten und geduldig zu warten, wenn es Zeit zur Ruhe ist, setzt den Menschen in Einklang mit den steigenden und fallenden Gezeiten (des Geschehens); so kann er, mit der Natur und ihren Gesetzen im Bunde und mit Wahrheit und Wohltätigkeit als Leitstern, Wunder vollbringen. Unkenntnis dieses Gesetzes führt zu Perioden von unvernünftigem Enthusiasmus einerseits und zu solchen von Niedergeschlagenheit und sogar Verzweiflung andererseits. Der Mensch wird so zu einem Opfer der Gezeiten, während er ihr Meister sein sollte.
„Habe Geduld, o Strebender, wie einer, der weder Versagen fürchtet noch Erfolg erstrebt.“ Angesammelte Energie kann nicht vernichtet werden, sie muß in andere Formen übertragen oder in andere Arten der Bewegung transformiert werden; sie kann auch nicht dauernd untätig bleiben und doch fortfahren, zu bestehen. Es ist nutzlos, einer Leidenschaft widerstehen zu wollen, die wir nicht beherrschen können. Wenn ihre sich ansammelnde Energie nicht in andere Kanäle geleitet wird, dann wird sie wachsen, bis sie schließlich stärker ist als Wille und Vernunft. Um sie zu beherrschen, muß man sie in ein anderes, höheres Strombett leiten. So kann die Liebe zu etwas Niedrigem dadurch geändert werden, daß man sie in Liebe für etwas Hohes verwandelt. Laster kann in Tugend verwandelt werden, indem man das Objekt wechselt. Die Leidenschaft ist blind, sie bewegt sich dorthin, wohin sie gelenkt wird, und die Vernunft ist ein sichererer Führer für sie als der Instinkt. Aufgespeicherter Zorn findet unweigerlich eines Tages einen Gegenstand, auf den er seine Wut entlädt, oder es kommt zu einer Explosion, die für seinen Besitzer selbst zerstörend wirken kann. Und für die Liebe gilt das gleiche. Ruhe folgt einem Sturme nach. Die Alten sagten, die Natur dulde kein Vakuum. Wir können eine Leidenschaft nicht zerstören oder vernichten. Wenn wir sie vertreiben, wird ein anderer Elementareinfluß ihren Platz einnehmen. Wir sollten darum nicht versuchen, das Niedere zu zerstören, ohne etwas anderes an seinen Platz zu stellen, wir sollten vielmehr Niederes durch Höheres ersetzen, Laster durch Tugend, Aberglauben durch Wissen.

(HELENA PETROWNA BLAVATSKY)

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