Praktische Ratschläge für das tägliche Leben VII

Niemand tut recht, der sich unzweifelhaften Pflichten im Leben entzieht, die auf göttlichem Gebote beruhen. Wer seine Pflichten aber nur erfüllt, weil er glaubt, dass sonst ein Unglück über ihn kommt, oder dass er durch ihre Erfüllung Schwierigkeiten aus seinem Weg räumt, arbeitet um des Lohnes willen. Pflichten sollten einfach deshalb erfüllt werden, weil sie von Gott befohlen sind, der jederzeit auch befehlen kann, sie wieder aufzugeben. Solange die Rastlosigkeit unserer Natur nicht zur Ruhe gebracht ist, müssen wir arbeiten, dabei aber alle Früchte unserer Arbeit der Gottheit weihen und ihr allein die Kraft zuschreiben, in rechter Weise zu wirken. Das wahre Leben des Menschen besteht darin, in Einheit mit dem Höchsten Geiste zu ruhen. Dieses Leben ist nicht durch irgendeine Handlung von uns ins Dasein gerufen worden, es ist eine Wirklichkeit, „die Wahrheit“ und völlig unabhängig von uns. Sich über die Nicht – Existenz von allem, was dieser Wahrheit entgegengesetzt erscheint, klar zu werden, bedeutet einen neuen Bewusstseinszustand und nicht eine Handlung. Die Befreiung des Menschen steht in keinerlei Zusammenhang mit seinen Handlungen. Soweit Handlungen dazu führen, dass wir uns unserer Unfähigkeit klar werden, uns durch sie aus dem beschränkten Dasein zu befreien, sind sie von Nutzen; sobald diese Stufe aber erreicht ist, werden Handlungen eher zu Hindernissen als zu Hilfen. Wer jedoch in Gehorsam gegenüber den göttlichen Geboten wirkt und weiß, dass die Fähigkeit, so zu wirken, eine Gabe Gottes ist und nicht der selbstbewussten Natur des Menschen entspringt, erlangt die Befreiung vom Zwange zu handeln. Dann wird das reine Herz von der Wahrheit erfüllt und das Einssein mit der Gottheit wahrgenommen. Das erste, wovon ein Mensch sich befreien muss, ist die Vorstellung, daß er selbst wirklich irgend etwas tut. Er muss erkennen, dass alle Handlungen sich nur in den „drei Eigenschaften der Natur“ vollziehen und keineswegs in der Seele. Dann muss er alle seine Handlungen im Geist der Hingabe tun, d.h. er muss sie dem Höchsten opfern und nicht sich. Denn entweder muss er sich selbst zum Gott erheben, dem er opfert, oder den anderen wirklichen Gott; der Mensch tut alle seine Handlungen und Bestrebungen entweder für sich selbst oder für das All. Hier liegt die Bedeutung des Beweggrundes. Wenn nämlich jemand auch eine wertvolle Tat zum Nutzen der Menschheit tut oder Wissen erwirbt, mit dem er den Menschen hilft, wenn er dazu nur von der Erwartung bewogen wird, daß er selbst durch diese Taten Erlösung erlangt, dann arbeitet er nur zu seinem eigenen Nutzen und bringt seine Opfer sich selber dar. Er muss darum innerlich dem All hingegeben sein; er muss wissen, dass er nicht der Täter seiner Taten ist, sondern nur ihr Zeuge.
Solange der Mensch in einem sterblichen Körper ist, wird er von Zweifeln beeinflusst, die ihn notwendigerweise befallen. Sie erheben sich, weil er über irgend etwas in Unwissenheit ist. Er sollte darum fähig werden, sie „mit dem Schwert des Wissens“ zu zerstreuen. Sobald er nämlich eine Antwort auf einen bestimmten Zweifel weiß, zerstreut er ihn dadurch. Alle Zweifel kommen aus der niederen Natur und niemals aus der höheren. Je hingebungsvoller er daher wird, desto klarer vermag er das Wissen zu erfassen, das in seiner Sattva- (Güte-)Natur ruht. Denn es heißt: „Ein Mensch, der vollendet in Hingebung ist (oder diese andauernd pflegt), findet im Laufe der Zeit in sich selbst spontan geistiges Wissen.“ Und weiter: „Ein Mensch mit zweifelndem Sinn gelangt weder zum Genuss dieser Welt noch der nächsten (der Deva – Welt), noch erlangt er endgültig Seligkeit.“ Dieser letzte Satz soll die Vorstellung zerstören, wenn schon ein Höheres Selbst in uns sei, so werde dieses, auch wenn wir träge und voller Zweifel sind, über die Notwendigkeit, Wissen zu erlangen, triumphieren, und uns gemeinsam mit dem ganzen Strom der Menschheit zur schließlichen Seligkeit führen.
Wahres Gebet bedeutet, alle heiligen Dinge betrachten und über sie nachdenken und sie auf uns, auf unser alltägliches Leben und Tun anwenden und dabei den innigen starken Wunsch haben, ihren Einfluss stärker und unser Leben besser und edler zu machen, damit uns etwas Erkenntnis über sie zuteil werde. Alle solchen Gedanken müssen enge verwoben sein mit einem inneren Wissen um das Höchste Göttliche Sein, dem alle Dinge entsprungen sind.
Geisteskultur wird durch Konzentration erworben. Sie muss jeden Tag und jeden Augenblick geübt werden, wenn sie von Nutzen sein soll. Meditation ist als „das Aufhören aktiven äußeren Denkens“ definiert worden. Konzentration bedeutet, das ganze Leben auf ein bestimmtes Ziel auszurichten. Eine hingebungsvolle Mutter zum Beispiel erwägt das Wohlergehen ihrer Kinder und alle Interessen derselben vor allen anderen Dingen; sie sitzt nicht den ganzen Tag da, um starr über eine einzelne bestimmte Art dieser Interessen nachzudenken. Das Denken hat in sich selbst eine zeugende Kraft; wenn es beständig bei einer Vorstellung gehalten wird, wird es von ihr gefärbt, und alle Korrelate dieser Vorstellung entstehen sozusagen innerhalb des Verstandes. Daher erlangt der Mystiker Wissen über jeden Gegenstand, über welchen er in ausdauernder fester Konzentration nachdenkt. Hierin liegt die Erklärung für die Worte Krischnas: „Denke beständig an mich; verlasse dich auf mich allein, und du wirst sicherlich zu mir gelangen!
Das Leben ist der große Lehrer: es ist die große Offenbarung der Seele, und die Seele offenbart das Höchste. Darum sind alle Methoden gut, und alle sind nur Teile des großen Zieles, der Hingebung. „Hingebung ist Erfolg im Handeln; sagt die Bhagavad Gita. Die psychischen Kräfte müssen, wenn sie kommen, auch benützt werden, denn sie offenbaren Gesetze. Aber ihr Wert darf nicht überschätzt werden, und die Gefahren, die in ihnen liegen, dürfen nicht missachtet werden. Wer sich auf sie verlässt, gleicht einem Menschen, der sich schon dem Gefühl des Stolzes und Triumphes hingibt, wenn er erst den ersten Rastplatz auf dem Wege zu den Bergesgipfeln erreicht hat, die er erklimmen will.

(HELENA PETROWNA BLAVATSKY)

Trau dich! Lass paar Worte da... Indem Du die Kommentarfunktion nutzt, erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: